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Gastbeitrag: Plotting Holes – Überraschungen beim Schreiben

Nun sitzt man da, hat Stunden in die Planung seines Buches investiert und plötzlich taucht es auf: das Plotting Hole – etwas, das man nicht planen konnte und alles auf den Kopf stellt. Man bekommt das Gefühl, alles über den Haufen werfen und neu anzufangen zu müssen. Discovery Writern (Autoren, die wenig plotten) passiert das verhältnismäßig oft, aber auch Plotting-Meister sind vor Überraschungen nicht gefeit. Hier fünf Plotting Holes und wie man mit Schwung drüber springt.

Der spontane Genrewechsel

Eigentlich wollte man einen Krimi im 18ten Jahrhundert schreiben, aber die Zeit ist so faszinierend, dass man einen Historienroman schreibt. Oder die Außerirdischen in dem geplanten Science-Fiction-Buch sind unheimlicher als geplant, sodass man sich mit einem Mal in einem Horrorroman befindet.
Dass Bücher mehr als ein Genre bedienen, ist nicht ungewöhnlich, aber es ist sinnvoll, sich für ein dominierendes Genre zu entscheiden. An einen Krimi habe ich andere Erwartungen als an einen Historienroman und an einen Horrorroman habe ich andere Erwartungen als an einen Science-Fiction-Roman.

Was also tun?

Erstmal solltest du dich fragen, ob es sinnvoll ist, das Genre zu wechseln. Wenn du das ursprüngliche Genre behalten möchtest, kannst du sprachlich zurückfinden. Wenn die Aliens in dem Science-Fiction-Buch angsteinflößend sind, ist das in Ordnung. Es macht aber einen Unterschied, ob ich in einen düsteren Raum voller Schrecken trete oder in einen Raum voller cooler Tech, die mir helfen kann die Aliens zu besiegen.
Das gilt auch, wenn du das Genre wechseln möchtest. Dann bleibt dir nichts anderes übrig, als die ersten Kapitel zu überarbeiten. Manchmal genügt es, die Geschichte mit Elementen des Hauptgenres anzureichern oder einzelne Abschnitte umzuschreiben.
Tipp: Schreibe das (Haupt-)Genre und seine Elemente auf ein Blatt und lege es neben deine Tastatur, um Genrewechsel vorzubeugen.

Der Protagonist entwickelt einen eigenen Willen

Man ist in der Geschichte versunken und sieht die Welt aus den Augen des Protagonisten, doch plötzlich verfolgt der Protagonist eigene Ziele. Die Wege zwischen geplotteter und erzählter Geschichte trennen sich und alles versinkt im Chaos.
Es ist beim Schreiben wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, was das Ziel des Protagonisten ist. Ich habe einen Zettel neben der Tastatur liegen, auf dem ich die Motivation meiner Charaktere notiert habe. Gefeit ist man vor diesem Eigenleben trotzdem nicht.

Was also tun?

Motivationsänderungen in Büchern sind schwierig. Im Idealfall greift das Ende den Anfang auf. Deswegen solltest du dich fragen, ob das neue oder das ursprüngliche Ziel zu deinem Thema passt. Wenn es das ursprüngliche Ziel ist, solltest du die letzten Schritte zurückverfolgen und schauen, an welcher Stelle du vom Weg abgekommen bist. Es hilft, sich eine kurze Kausalkette zu skizzieren.
Passt das neue Ziel besser zu dem Thema, solltest du den Anfang anpassen. Auch da hilft es, eine Kausalkette zu skizzieren und davon ausgehend zu analysieren, was zu ändern ist.
Tipp: Schreibe eine Liste mit den wichtigsten Charakteren und beschreibe ihre Motivation. Lege den Zettel neben den Genrezettel.

Die Namensfindungsstörung

Die Namen von Figuren beeinflussen, wie man diese wahrnimmt. Dasselbe gilt für Orte. Wenn mein Superheld Tiny heißt, stelle ich mir keinen Bodybuilder vor. Bei einer Stadt namens Glass sehe ich keine Betonwüste vor meinem inneren Auge. Manchmal braucht man eine Weile, bis man den richtigen Namen gefunden hat. Manchmal glaubt man ihn gefunden zu haben und plötzlich hat man eine bessere Idee.
„Suchen und Ersetzen“ wäre die einfachste Antwort, die aber Risiken birgt. Will ich Tiny in Biggy umbenennen und habe ein paar Mal Tiny mit „i“ statt „y“ geschrieben, wird nicht jede zu ändernde Stelle gefunden. Ungünstig ist das insbesondere, wenn man den Namen mehrfach ändert.

Was also tun?

Am besten du schmeißt nicht gleich alles um, sondern probierst den Namen eine Weile aus. Schreib ein paar Seiten damit. Anpassen kannst du immer noch, wenn du fertig bist. Den Trick kannst du auch anwenden, wenn dir kein Name einfällt. Probiere einige Namen aus. Beim Schreiben wirst du schnell merken, ob ein Name passt.

Das Ende ist nah, aber 200 Seiten sind zu wenig/aber 600 Seiten sind zu viel

Die Länge eines Textes kann man schwer plotten. Erfahrungswerte helfen, aber kein Autor weiß vor Beginn des Schreibens, wie viele Wörter der Text am Ende haben wird. Manchmal erzählt sich eine Geschichte schneller und manchmal langsamer, als man denkt.
Es gibt Richtwerte für Romanlängen, aber sie sind keine Gesetze. Trotzdem ist es schwierig einen Roman unter 200 Seiten und über 600 Seiten verlegen zu lassen.

Was also tun?

Erstmal zu Ende schreiben. Kurz vor Ende sollte man nicht alles umschmeißen. Das ist demotivierend und selten von Erfolgt gekrönt.
Wenn du fertig bist, solltest du dich fragen, warum dein Buch so kurz oder lang ist. Wenn es zu kurz ist, kann es sein, dass du zu wenig beschrieben hast und wenn es zu lang ist, hast du das vielleicht zu exzessiv betrieben. Das kann man beim Überarbeiten gut anpassen. Tatsächlich ändert sich die Länge beim Überarbeiten noch einmal.
Zu kurze Bücher kannst auch du mit einem kleinen Nebenplot anreichern.
Aber Achtung! Das birgt die Gefahr vom Thema abzukommen.
Wenn du denkst, dein Buch ist stimmig, kannst du einen Testleser hinzuziehen, um dir sicher zu sein.
Ansonsten: Mut zur Kürze/Länge. Das wichtigste ist, dass man von seinem Buch überzeugt ist.

Und zu guter Letzt…

Ein Plotbunny hoppelt vorbei

Jeder kennt es. Man schreibt und plötzlich hat man DIE IDEE. Dabei kann DIE IDEE eine Idee für einen neuen Roman sein oder etwas sein, das später im Buch passieren soll. Das Plotbunny beißt sich fest und man hat das Gefühl, die Idee direkt umsetzen zu müssen. Konzentration für das aktuelle Projekt? Vergiss es.

Was also tun?

Plotbunnies kann man nicht vermeiden und schon gar nicht ignorieren. Am besten du gibst ihm ein wenig nach. Zum Beispiel könntest du die Idee für den neuen Roman aufschreiben. Manchmal hilft es, schon konkret zu planen, wann man seine Idee umsetzen will. Dasselbe gilt natürlich auch für spätere Kapitel. Die kann man gut in die Plotskizze integrieren.
Wenn das Plotbunny trotzdem nicht loslässt, liegt das Problem woanders. Vielleicht bist du in deinem aktuellen Projekt vor eine Wand gelaufen oder befindest dich in einer Sinnkrise. Statt dem Plotbunny durchs Kaninchenloch zu folgen, solltest du dir eine Auszeit nehmen. Nimm ein Bad, gehe spazieren oder widme dich eine Weile einem anderen Hobby. Wenn du entspannt bist, zieht sich das Plotbunny zurück und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Der kommt bestimmt.

Über die Autorin: Katharina Kanzan glaubt, dass Katzen die Welt regieren und Lebensläufe gerne kreativ gestaltet sein können. Daher hat sie alles Mögliche studiert und gelernt. Mittlerweile kritzelt sie beruflich Bedienungsanleitungen und privat am liebsten Artikel, Kurzgeschichten und Gedichte. Vereinzelte Sachen findet man in Anthologien und Zeitschriften, das meiste aber auf ihrem Blog.

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